Fallstudie · KI bei uns selbst
Zwei Tasten, drei Gesten, zwei Betriebssysteme
Acht Wochen, zwei eigenständige Programme, ein Werkzeug, das auf eine Tastenkombination hört und diktiert, umschreibt oder antwortet. Hier steht, wie es entstanden ist, was dabei wieder rausgeflogen ist, und warum das ursprüngliche Ziel bis heute nicht erreicht ist.
- Projekt
- 2Key, eigenes Werkzeug
- Werkzeug
Claude Code
- Gebaut an
- 33 Tagen, verteilt über acht Wochen
- Gebaut von
- zwei Personen neben dem Tagesgeschäft
- Stand
- letzte Änderung im Juli 2026
33
Tage daran gearbeitet
aus der Git-Historie gezählt
12
Windows-Versionen ausgeliefert
an den Git-Marken gezählt
3 von 4
Modi gebaut
der vierte ist bis heute ein Gerüst
Die Leiste von 2Key schwebt über dem Bildschirm und wechselt zwischen vier Modi: Assistent, Text diktieren, Text bearbeiten, Gespräch.
Acht Wochen, zwei Betriebssysteme, zwölf Auslieferungen. Am Ende kann das Programm drei Dinge zuverlässig und genau die eine nicht, für die wir es angefangen haben. Beides steht hier, und der zweite Teil ist der lehrreichere.
Die Intelligenz konnten wir kaufen. Die Bedienung nicht: Alles Schwere an diesem Projekt steckte in der Frage, wie man KI so anfasst, dass man beim Arbeiten nicht hinsehen muss.
1 Die Herausforderung
Jeder, der mit KI arbeitet, kennt denselben Weg. Text markieren, kopieren, Fenster wechseln, einfügen, Anweisung tippen, warten, Antwort kopieren, zurückwechseln, einfügen. Neun Griffe für eine Sache, die man in einem Satz sagen könnte. Die KI ist dabei nie das Problem. Das Problem ist der Weg zu ihr.
Die naheliegende Antwort wäre ein weiteres Fenster gewesen: ein besseres Chatprogramm, eine schnellere Oberfläche. Wir wollten das Gegenteil. Kein Fenster, kein Programm, das man öffnet, sondern etwas, das schon da ist, wenn man es braucht, und wieder weg, wenn nicht. Daraus wurden drei Anforderungen, die sich gegenseitig im Weg standen:
- Es muss ohne Blickwechsel gehen. Wer im Schreibfluss ist, sieht ins Dokument, nicht auf eine Leiste am Bildschirmrand. Jede Anzeige, die man ansehen muss, ist damit tot.
- Es muss lokal laufen. Ein Werkzeug, das an eigene Dateien soll, kann nicht auf einem fremden Server sitzen. Ein Server ohne Zugriff aufs Laufwerk kann eine Datei nicht öffnen, egal wie klug er ist.
- Es muss auf beiden Betriebssystemen gut sein. Ein Programm, das sich in Tastenkürzel, schwebende Fenster und Audioaufnahme einhakt, greift so tief ins System, dass die bequeme Lösung ausfällt.
Die dritte war die teuerste, und sie wurde am ersten Tag bewusst so entschieden: zwei eigenständige Programme, von Anfang an parallel, ohne gemeinsame Oberfläche. Der Preis dafür ist jede Änderung zweimal. Der Grund ist einfach: Was das Programm können soll, geht ohne die Bordmittel des jeweiligen Systems nicht.
2 Die Lösung, Schritt für Schritt
Sechs Bauteile. Drei davon sieht man, drei nicht. Das erste ist das eigentliche Produkt.
Dieselbe Tastenkombination hat drei Bedeutungen: halten heißt sprechen, einmal tippen lädt Kontext, doppelt tippen wechselt den Modus.
Sprechen
Tasten gedrückt halten und sprechen. Loslassen, wenn du fertig bist.
Kontext laden
Markierter Text, eine Datei oder ein Bild landet sofort im Kontext.
Modus wechseln
Springt zwischen Text diktieren, Text bearbeiten und Gespräch.
- Eine Tastenkombination, drei Gesten. Halten heißt sprechen. Einmal kurz tippen heißt: Nimm, was ich markiert habe, als Kontext dazu. Zweimal tippen wechselt den Modus. Unterschieden wird allein über die Zeit, und genau deshalb muss man nicht hinsehen.
- Ein Ton statt einer Anzeige. Beim Sprechstart sagt ein kurzer Klang, in welchem Modus man ist. Das klingt nach einem Detail und ist die wichtigste Entscheidung der ganzen Oberfläche: Eine Anzeige müsste man ansehen, ein Ton nicht.
- Der Text wird gespeichert, bevor das Modell ihn anfasst. Wer drei Minuten in ein Feld gesprochen hat und danach eine Fehlermeldung statt seines Textes sieht, verliert nicht Zeit, sondern Arbeit. Deshalb diese Reihenfolge.
- Rückfall auf den Normalzustand. Nach fünf Minuten Ruhe geht die Leiste zurück aufs Diktieren. Ohne das wäre der Modus ein Zustand, den man sich merken muss, und gemerkt wird er nie.
- Alles bleibt auf dem Rechner. Der Verlauf ist lokal. Das ist keine Sparmaßnahme, sondern die Bedingung dafür, dass das Werkzeug überhaupt an eigene Dateien darf.
- Zwei Programme, zweimal gebaut. Für Windows und für den Mac, jeweils mit den Mitteln des Systems. Kein gemeinsamer Oberflächen-Code, und genau das war die Entscheidung mit dem höchsten Preis.
Am ersten Tag stand fest, dass es geht. Die restlichen acht Wochen gingen dafür drauf, es bedienbar zu machen.
3 Was es gekostet hat, und was es gekostet hätte
Der ehrliche Teil zuerst: Nur die rechte Spalte ist erlebt. Die linke ist gerechnet und knapp geschätzt, also für ein Team, das solche Programme schon gebaut hat. Wer sich in Tastaturhaken, Audioaufnahme und Sprachschnittstellen erst einarbeiten muss, liegt darüber.
Ein Entwicklerteam
→ Rund 125 bis 175 Entwicklertage, also sechs bis neun Personenmonate für ein geübtes Team. Konzept und Abnahme kommen obendrauf.
Zwei Personen, nebenbei
→ Der Versuch, der beweisen sollte, dass die Idee überhaupt trägt, lief am ersten Tag. Erster und zweiter Commit tragen dasselbe Datum.
Was diese Zahlen nicht sagen
Sie sagen nicht, dass in acht Wochen ein fertiges Produkt entstanden ist. Sie sagen, dass ein benutzbares entstanden ist, mit drei funktionierenden Modi, zwölf Auslieferungen und einem vierten Modus, der bis heute leer ist. Und sie sagen nicht, dass 33 Tage 33 Personentage sind: Es sind Tage, an denen etwas festgeschrieben wurde, neben der normalen Arbeit. Wer eine Zahl nennt, muss sagen, wie sie gezählt wurde, sonst ist sie Dekoration.
4 Was es im Alltag spart
Hier wird es dünn, und das sagen wir lieber selbst: Für dieses Projekt gibt es keine gemessene Zeitersparnis. Was wir zählen können, sind Griffe. Also zählen wir Griffe.
Einen Absatz umschreiben
→ Zehn Griffe, zwei Programme, und man war zwischendurch woanders.
Einen Absatz umschreiben
→ Vier Griffe, ein Fenster, die Hand bleibt auf der Tastatur. Gezählt, nicht gestoppt.
Der Haken an dieser Rechnung
Vier Griffe statt zehn gelten nur, wenn der Modus stimmt. Ist er es nicht, ist der gesprochene Satz nicht bloß nutzlos, sondern verschwunden. Genau deshalb gibt es den Klang beim Sprechstart und den Rückfall aufs Diktieren nach fünf Minuten. Beide Bauteile existieren nicht, weil sie schön sind, sondern weil die Ersparnis ohne sie unzuverlässig wäre. Und eine unzuverlässige Ersparnis ist keine.
5 Was wir dabei gelernt haben
- Doku ist eine Behauptung, kein Messwert. Wir wollten den Modus per gesprochenem Schlüsselwort umschalten. Die Herstellerdokumentation sagte, die Spracherkennung könne nur Englisch, also fiel der Weg als Erstes raus. Später haben wir aus Verzweiflung nachgemessen: Sie kann Deutsch. Der zuerst ausgeschlossene Weg war der richtige. Seitdem gilt: Wenn eine Angabe eine Entscheidung trägt, wird sie gemessen, nicht gelesen.
- Ein Feature, das bei jedem zweiten Griff danebenliegt, ist schlimmer als keins. Dasselbe Umschalten war fertig gebaut und getestet, und wurde im Juli komplett wieder ausgebaut. Die Erkennung brauchte an echter Stimme mal zwei, mal drei Sekunden. Bei einem festen Lauschfenster macht das aus einer Funktion einen Münzwurf. Mit dem Feature fiel auch alles weg, was es gebraucht hatte: ein zusätzlicher Erkennungsdurchlauf, eine Kostenbremse, eine Echo-Erkennung, eine Sicherungsaufnahme. Eine Krücke am Leben zu halten kostet mehr Maschinerie als das Feature selbst.
- In derselben Schleife fanden wir ein Datenschutzproblem, das wir sonst ausgeliefert hätten. Der eingeschlagene Weg schickte das Gesagte an den Betriebssystem-Hersteller, und der Stand davor tat das stillschweigend, sobald ein Schalter zufällig an war. Die Annahme, es gehe dabei ja nur um ein einzelnes Wort, war falsch: Die Sitzung lief, solange die Taste gehalten wurde. Ein diktierter Absatz ging vollständig raus.
- Portieren heißt nicht abschreiben. Eine Live-Vorschau des Diktats direkt im fremden Dokument funktionierte auf dem Mac und wurde nach dem Praxistest trotzdem verworfen. Wer Zwischenergebnisse in ein fremdes Programm schreibt, muss dort auch wieder löschen. Dieselbe Idee, dieselbe Regel, auf der anderen Plattform ein anderes Ergebnis.
- Der Autor kann seinen eigenen Einführungsablauf nicht testen. Wir haben jemanden davorgesetzt, der das Programm nie benutzt hatte. Er kam nicht durch. Oben blinkte etwas, während unten etwas passierte, Lesen und Tun standen im selben Fenster, und die Führung lief automatisch weiter, statt auf ihn zu warten. Daraus wurde eine Regel: erst erklären, dann tun, nie beides gleichzeitig, und das Tempo bestimmt der Benutzer.
- Ein grüner Test, der die halbe Software nicht baut, ist eine Bestätigung, kein Test. Unsere Prüfstrecke läuft auf Linux und baut das Windows-Programm deshalb nicht. Ergebnis: alles grün, während der Windows-Bau kaputt war. Beide Fehler dieser Sorte lagen nie im neuen Code. Es waren alte Annahmen, die der neue Code stillschweigend gebrochen hat.
Und das Größte: Was wir nicht gebaut haben
Nach acht Wochen stand ein Programm, das drei Dinge zuverlässig kann. Was es nicht kann, ist das, weswegen wir angefangen hatten. Der Modus, in dem KI selbstständig in eigenen Ordnern arbeitet, wurde am ersten Tag als machbar bewiesen und danach nie gebaut. Der Ordner dafür enthält bis heute eine einzige Datei, und darin steht ein Satz: Gerüst, Bau in Phase 2. Wir haben stattdessen acht Wochen an der Bedienung gearbeitet, und rückblickend war das richtig, denn eine KI, die niemand starten kann, ist kein Werkzeug. Die ehrliche Fassung lautet trotzdem nicht „wir haben Prioritäten gesetzt“, sondern: Der Weg zum eigentlichen Ziel war länger, als er von außen aussah, und wir sind ihn nicht zu Ende gegangen.
6 Was davon bei euch gilt
Die wenigsten Betriebe bauen sich ein eigenes Programm, und das sollten sie auch nicht. Übertragbar ist etwas anderes: Der teuerste Teil war nie die KI. Er war die Frage, wie ein Mensch sie im Arbeitsfluss anfasst, ohne aus dem Fluss zu fallen.
Dieselbe Frage stellt sich bei jedem Werkzeug, das ihr einführt. Nicht „was kann es“, sondern: An welcher Stelle des Tages soll es auftauchen, wie viele Griffe kostet es, und was passiert, wenn es sich irrt. Ein Werkzeug, das drei Griffe spart und einmal pro Woche Arbeit vernichtet, ist kein Fortschritt.
Bewusst nicht Teil dieses Projekts
- Ein Modus, den die KI aus dem Gesagten errät. „Mach das bitte kürzer“ ist als zu tippender Satz und als Befehl nicht unterscheidbar
- Umschalten per gesprochenem Schlüsselwort. Gebaut, gemessen, wieder ausgebaut
- Eine Live-Vorschau des Diktats im fremden Dokument. Funktionierte, fiel im Praxistest durch
- Aufklappen, sobald die Maus darüberfährt. Zu viele Zustände
- Ein Abgleich des Verlaufs in die Cloud. Das wäre ein eigenes Produkt mit eigener Einwilligung
- Eine gemeinsame Oberfläche für beide Betriebssysteme
- Der selbstständig arbeitende Modus, das ursprüngliche Ziel. Bis heute ein Gerüst
Die ersten sechs Punkte sind Entscheidungen. Der letzte ist eine offene Rechnung, und er steht bewusst in derselben Liste.
Dieselbe Frage stellen wir auch bei euch.
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